Achtung, bissig! Benjamin Maacks „Monster“

 

Datum: Juni 2013

Redakteur: Julian Jungermann

Sprecher: Julian Jungermann

Beschreibung:

Benjamin Maack gehört zu den, Zitat, „zwanzig besten jungen Schriftstellern von heute“. Das schrieb zumindest die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 7. Oktober 2012, also etwa sieben Monate nach der Veröffentlichung seines Buchs „Monster“. Weitere acht Monate nach dieser Krönung liest Benjamin Maack im Rahmen des Literarischen Zentrums Gießen, kurz LZG, aus seinem vielgelobten Roman. Ist ja auch klar: Wer schon mit Anfang 30 in den Olymp der deutschen Nachwuchseliteschreiber erhoben wird, kommt an einer Lesung in Gießen heutzutage kaum mehr vorbei. Julian Jungermann hat sich für unsere Literaturredaktion „LiteRadio“ Maacks „Monster“ zu Gemüte geführt, um sich davon zu überzeugen, ob der neue Eliteschreiber seinem Ruf gerecht wird.

Beitrag:

Das ist doch keine Handlung!

„Wenn man ehrlich ist, eigentlich keine echte Geschichte. Ist eben einfach nur passiert! Was passiert, passiert. So geht’s immer.“

Wie kann man das erklären? Nimmt man zum Beispiel den Beginn von Benjamin Maacks Monster. Das erste Kapitel! Da überfährt die Hauptfigur, die wie ihr Schöpfer Benjamin heißt, direkt mal eine Eule. Warum? Woher soll ich das wissen? Warum er sie danach in den Kofferraum steckt und mitnimmt? Weil’s eben passiert.

„Passiert, passiert und passiert.“

Monster beginnt höchst experimentell und zieht den Leser sofort in seinen Bann – auch wenn der eine oder andere davon möglicherweise etwas abgeschreckt reagieren könnte. Da gibt es Wortwiederholungen:

„Tier, Tier, Tier. Bitte, bitte, bitte.“

Wörter oder ganze Sätze, die isoliert vom Text sind, weil sie daraus hervorstechen wollen. Dann so etwas wie eine Handlung. Hauptfigur Benjamin besucht seine alte Liebe Kathrin und seinen alten WG-Kollegen Stephan auf dem Land. Stephan ist inzwischen schwer behindert – Kathrin muss sich um ihn kümmern. Warum Benjamin nach all den Jahren ohne Kontakt plötzlich vor der Tür steht? Zunächst ein Rätsel, genauso wie die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen den dreien nun entwickeln wird. Hier hat mich die Geschichte ein bisschen verloren: Da stehen zum Beispiel pathetische Metaphern wie

„Der Hang blutet Schlamm.“

So was sorgt beim Lesen schon mal für unfreiwillige Unterbrechungen. Stopp. Pause. Nachdenken. Stirn runzeln. Weiterlesen.

„Geröll versucht ihn zu Fall zu bringen, er kickt die Steine beiseite.“

Böses, personifiziertes Geröll. Ist ‚kicken‘ nicht Umgangssprache? Mit so manchen Formulierungen bin ich echt ich nicht im Reinen. Am Ende des ersten Teils auf Seite 77 bricht Benjamin Maacks Form dann völlig ein. Na Gott sei Dank!, denn das hat das Buch für mich gerettet. Die restlichen Teile des Werks sind Fragmente und lassen schon bald erkennen, dass der erste Teil des Buches ebenso ein Fragment war. Ab jetzt schaltet sich auch der Erzähler regelmäßig ein und unterbricht die Handlung pünktlich immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass sie wieder ins Rollen kommt. Er erzählt bei solchen Gelegenheiten zum Beispiel makabre Witze, die einen aus der Haut fahren lassen. Von Witz eigentlich keine Spur. Eher Schadenfreude. Benjamin Maack nimmt kein Blatt vor den Mund. Und das ist auch gut so. Zugegeben: Seine ständigen Bemerkungen über Sexualität ermüden nach einiger Zeit. So werden nicht nur die Geschlechtsteile der Frau ausgiebig beschrieben, sondern auch Benjamins Masturbationsvorgang.

„Du betrachtest das Ding. Wie es wächst. Es reckt sich dir entgegen. Ein rotblauer Stängel Fleisch in einem Reißverschlussmaul.“

Wer ist jetzt hier das Monster? Benjamin Maack, der uns so etwas – wahrscheinlich mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen – lesen lässt? Die Hauptfigur Benjamin? Oder etwa sein Geschlechtsteil? Während ich die Frage gekonnt ignoriere, blättere ich weiter über fünf Seiten, auf denen nur nullen Stehen. Mit Absätzen! Das Gleiche gibt es am Ende noch einmal mit dem Buchstaben X. Ich lese. Ich staune. Ich lese weiter. Ich runzele die Stirn. Ich bin fertig. Was war das jetzt für eine Geschichte? Keine Geschichte. Es ist einfach passiert. Ob die Hauptfiguren aus den einzelnen Fragmenten, die allesamt Benjamin heißen, ein und dieselbe Person ist? Woher soll ich das wissen? Ist doch auch völlig egal. Und zur Frage, wer das Monster ist: Es ist vor allem das Buch selbst, denn es nimmt den Leser mit in einen Strudel aus Situationen, die sich in ihrer brutalen Gesamtheit ‚Leben‘ nennen. Nach einem etwas holprigen Einstieg muss ich sagen: Ich will mehr von Benjamin Maack! An diesem experimentellen Stil sollten sich wirklich viel mehr deutsche Autoren versuchen. Nur Mut zur Lücke!