Sag mir wo die Wähler sind – Was ist geschehen?

Am Sonntag sind Oberbürgermeister- und Landratswahlen in Gießen. Aber wen interessiert das? Keinen! Gießen hat laut dem Anzeiger etwas mehr als 62.000 Stimmberechtigte. 9000 davon gehören der Gruppe der 25 bis 29-Jährigen an. Sie bilden die größte Gruppe der Wahlberechtigten. Die zweitgrößte Gruppe bilden die 21- bis 24-Jährigen.  Letzte Woche Freitag war eine Podiumsdiskussion in der Bootshausstraße. Die Beteiligung der Bevölkerung war unterirdisch. Eigentlich sollten sich dort die Oberbürgermeisterkandidaten vorstellen. Neben Dietlind Grabe-Bolz (SPD), der amtierenden Bürgermeisterin, kamen Anja Helmchen von der CDU, der „Pirat“ Ralf Praschak und der parteilosen Wolfgang Höll zu Wort, wurden aber nicht gehört. Denn nur 200 Leute waren anwesend, wenn überhaupt, auch wenn die Zeitung etwas anderes behauptet. Ich war immerhin selbst da. Davon war ein Teil CDU-Anhänger (gut zu erkennen mit „Helmchen“-Schild und gegelter Locke). Der andere Teil schien aus Personen vom Gießener Anzeiger und der Allgemeinen zu bestehen. Viel mehr blieben da gefühlt nicht übrig. Auch die Diskussion war eher lau, statt hitzig. Weder haben sich die Kandidaten in die Haare gekriegt (alles lief ziemlich einvernehmlich ab) noch gab es irgendwelche Wutbürger im Publikum, die sich lautstark über die Flüchtlingssituation wegen der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung beschwerten.

Mögliche Gründe

Dass die Beteiligung so gering war, kann natürlich auch an äußeren Faktoren gelegen haben. Zum Beispiel war es sehr heiß. Man zerfloss förmlich. Vielleicht blieben deswegen die hinteren Bänke leer. Stattdessen haben sich welche in den Biergarten gesetzt und von dort aus zugehört. Es könnte aber auch daran gelegen haben, dass es an der Ecke kaum Parkplätze gibt. Oder daran, dass es ein Brückentag war und die Leute Besseres zu tun hatte. Oder lag es doch daran, dass sich die Gießener nicht für die Geschicke ihrer Stadt interessieren?

Zum Vergleich: Die Gemeinde Buseck hat laut der „Bild in Frankfurt“ (ich bin erstaunt, dass sie überhaupt darüber berichten) etwa 10.000 Stimmberechtigte. Bei der Podiumsdiskussion dort waren laut dem Gießener Anzeiger 650 Gäste zugegen! Weniger Stimmberechtigte, aber mehr Gäste als in der Stadt Gießen. Allerdings waren dort überwiegend ältere Besucher.

Studenten sind vielleicht das Problem

Liegt es vielleicht daran, dass sich nur noch alte Menschen für Politik und ihren Heimatort interessieren? Sind Junge so unpolitisch? Oder liegt es vielleicht daran, dass Gießen eine Studentenstadt ist? Für die meisten dürfte Gießen nur eine Zwischenstation in ihrem Leben sein. Ich vermute, dass die meisten nach ihrem Bachelor, also knapp drei Jahren, oder ihrem Master, zwei bis fünf Jahren (je nachdem ob der Bachelor auch hier gemacht wurde), wieder verschwinden. So gesehen lohnt es sich nicht, sich in die Stadtangelegenheiten einzumischen. Ich fliese ja auch nicht aus eigenem Antrieb das Bad in der Mietwohnung neu, wenn ich weiß, dass ich nur zwei oder drei Jahre dort lebe.

Meine Erfahrungen

Ich selbst habe mich lange Zeit nicht für Politik interessiert. In der Schule gurkte ich immer auf einer drei herum und habe mich oft gelangweilt. Schön und gut wie der Bundestag aufgebaut ist, aber was hat das mit meinem eigenen Leben zu tun? Erst vor kurzem habe ich berufsbedingt damit begonnen, mich mehr dafür zu interessieren. Jetzt merke ich, dass politisch eigentlich ziemlich viel passiert. Ich kenne mittlerweile auch den ein oder anderen lokalen Politiker und bei manchen merkt man wirklich, mit welchem Engagement sie dabei sind. Die Lokalpolitik bekommt für mich langsam ein Gesicht und wird greifbar. Und vieles davon ist mir neu. Zum Beispiel bin ich immer davon ausgegangen, dass Bürgermeister die mächtigsten Menschen in der Gemeinde sind. Genaugenommen dürfen sie aber höchstens mal einen Antrag einreichen, der dann auch noch erst abgestimmt werden muss. Zumindest ist dass in Hessen so. In anderen Bundesländern haben Bürgermeister noch mehr Befugnisse. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas davon in der Schule gehört zu haben. Genauso wenig wusste ich, dass es einen Landrat gibt, der vom Volk auch noch direkt gewählt wird.

Was kann man daraus schlussfolgern?

1. In der Schule werden die falschen Prioritäten gesetzt. Ich könnte mir vorstellen, wenn erst die Politik vor der eigenen Haustüre besprochen wird, wird das alles konkreter. Möglicherweise immer noch trocken, aber es ist nicht mehr abstrakt. Der Bundestag und die Europapolitik können auch später noch drankommen.

2. Junge Menschen sind tatsächlich unpolitisch. Warum sollte man sich auch für etwas einsetzen, wenn es einem doch im großen und ganzen gut geht? Es fühlt sich nicht so an, als würde Politik etwas bewirken. Oft wird doch einfach nur lange Rumgeschwafelt, bis dann irgendwann etwas passiert, dass dann doch geändert oder nicht umgesetzt wird – siehe Mindestlohn oder Klimagipfel. Das ist politisch, aber es geht so langsam voran, dass die Auswirkungen nicht direkt spürbar sind. Zumindest mir geht es so, dass ich gefühlt mehr mit dem Ordnungsamt zu tun habe, als mit Politik.

3. Es liegt an den Politikern selbst. Wie gesagt, die Podiumsdiskussion in Gießen war ziemlich lau. Keiner ist über den anderen hergefallen, keiner wurde angeklagt, keine großartigen Neuerungen wurden versprochen. Auch die Kandidaten in Buseck ähneln sich in ihren Standpunkten. Selbst bei der Landratskandidatur wurden keine heißen Diskussionen geführt. Selbst die amtierende Landrätin Anita Schneider kritisierte die mangelnde inhaltliche Auseinandersetzung (siehe Gießener Anzeiger).  Werden jetzt auch Politiker unpolitisch? Gibt es nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt?

 

Wann wird man je verstehn, wo das Problem liegt? Ich kann es nicht sagen. Das alles sind nur Vermutungen, meine persönlichen Überlegungen. Vielleicht treffe ich hier und da den Kern, vielleicht tue ich auch jemanden Unrecht. Woran es auch liegen mag, ich finde es erschreckend, dass sich nur so wenige für die Geschicke ihrer Stadt, in der sie immerhin ein paar Jahre leben, interessieren. Es wäre wichtig, die Gründe dafür herauszufinden. Nur wie? Wann wird man es verstehn?

 

von Manuela Falk

 

Quellen:

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/beobachtungen-im-briefwahlbuero_15516630.htm

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kreis-giessen/buseck/inhaltlich-viele-gemeinsamkeiten_15458389.htm

http://www.bild.de/regional/frankfurt/mittelhessen-zu-wahlmarathon-aufgerufen-41295728.bild.html

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/frauenpower-auf-augenhoehe_15496658.htm

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