Faszination E.A. Poe: Tarek Assam’s „Der Blick des Raben“

 

Datum: Dezember 2013

Redakteur: Julian Jungermann

Sprecher: Julian Jungermann

 

Beschreibung:

Das Licht geht aus. Die Scheinwerfer sind auf die Bühne gerichtet. Der Vorhang öffnet sich. Ein ganz gewöhnlicher Theaterabend beginnt. Denkste! Nicht mit Tarek Assam, Choreograph am Gießener Stadttheater. Seine jüngsten Tanzstücke, Siddhartha sowie Der Blick des Raben, sind eher als multimediale Umsetzungen zu verstehen. Sie bringen also unterschiedliche Medien zur selben Zeit auf die Bühne. So kann es vorkommen, dass sich Tänzer zu Musik und Gesang bewegen, während im Hintergrund ein Video an die Leinwand projiziert wird. Ist das so schrecklich verwirrend, wie es sich anhört? Oder lohnt es sich tatsächlich, den Abend für modernes Theater freizuhalten? Julian Jungermann von der Literatur- und Kulturredaktion „LiteRadio“ hat sich mit Tarek Assam über seine Edgar Allen Poe-Umsetzung Der Blick des Raben unterhalten und wollte von ihm wissen, was eine moderne Theaterumsetzung ausmacht.

 

Beitrag:

„Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess’ner Lehr‘-
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
„’s ist Besuch wohl“, murrt‘ ich, „was da pocht so knöchern zu mir her –
das allein – nichts weiter mehr.“

So beginnt Edgar Allen Poes „Der Rabe“, in finsterer Nacht, zur Geisterstunde pocht es an der Fensterscheibe. Alles kommt zusammen, eigentlich fehlt nur noch das Monster, das den Erzähler nach Öffnen der Türe anspringt. Aber es kommt noch schlimmer: Es ist DER RABE! Tarek Assams Tanzstück, Der Blick des Raben, fängt dagegen ganz anders an: Die Bühne ist ganz weiß und leer, bis die Tänzer – ebenfalls in weiß gekleidet – die Bühne betreten. Im Hintergrund wird ein Video auf eine Leinwand projiziert, das einen Schwarm Raben zeigt. Dann werden durchsichtige Trennwände heruntergefahren, das Licht wird dunkler, ein lilafarbener Rabe betritt die Bühne und steht plötzlich im Mittelpunkt. Zeit für Verwirrung. Macht das Gießener Publikum so etwas mit? Tarek Assam gibt sich sehr zufrieden mit seinen Theaterbesuchern.

„Also was in Gießen wirklich prägnant ist für den Tanz, ist, dass wir ein Publikum haben, dass kommt und schaut und auch bereit ist, anzuschauen und dann erst zu urteilen und nicht ein Publikum haben, dass vorher urteilt und dann schaut.“

Urteilt man über moderne Umsetzungen, scheiden sich die Geister. Einigen sind sie zu übertrieben, da spielen zu viele moderne Medien mit hinein, abstruse Abstraktionen, die die ursprüngliche Handlung in den Hintergrund drängen. Aber was versteht man eigentlich unter der „ursprünglichen Handlung eines Stückes?“, lautet die berechtigte Frage, die sich Assam stellt.

„Poe hat ja ganz viele Geschichte geschrieben und sehr viele Gedichte. Die eigentliche Handlung der Geschichten ist in vielen Geschichten ähnlich, es beschreibt immer wieder Angstzustände, es beschreibt Ängste des Fallens, Ängste des Eingesperrtseins, die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem lebendig begraben sein. Das sind eigentlich Themen, die sich immer wieder durchziehen.“

Umsetzungen wie Der Blick des Raben greifen also eher zentrale Themen und Motive aus den Werken auf und heben sie besonders hervor. Das geschieht zum Beispiel durch den Verzicht auf Dialoge – stattdessen verwendet Assam Gesang, um eine spezielle Stimmung zu erzeugen. Diese beabsichtigte Stimmung ist das A und O, damit das Stück glaubhaft wirkt. Sie spiegelt sich bei Assam auch in der Farbwahl der Kostüme oder des Bühnenbild wider.

„Der Raum war von Anfang an konzipiert als weißer Raum, das heißt, wir haben nicht versucht, das Klischee zu bedienen, dass man Angst und Ängste immer mit dunkel und schwarz verbindet. Sondern, wir sind ein bisschen bei Hitchcock gelandet, und haben gesagt, eigentlich, wenn alles weiß ist und ganz neutral ist, dann ist sehr viel mehr Raum für Angst als wenn man die dunklen Ecken erzeugt und in dunklen Ecken dann die Ängste versucht zu etablieren. Die kommen auch anders.“

Kommen die Ängste wirklich so einfach? Bei einigen Zuschauern wahrscheinlich nicht, denn auf Tarek Assams Tanzstück muss man sich erst mal einlassen. Aber das sollte man unbedingt tun. Beim Blick des Raben geht es nicht um Verwirrung, sondern darum, eine Stimmung zu erzeugen. Eine Stimmung, die alles von Poe innehat. Assam bringt eine hochinteressante Form von Theater auf die Gießener Bühnen, die alle ansprechen, die bereit sich, mitzudenken und zu reflektieren. Eine Form, die in Zukunft hoffentlich viel häufiger praktiziert wird. Auch diejenigen, die den schaurig-schönen Klassiker von Poe mögen und einen eigenen Zugang zu dem Gedicht gefunden haben, werden sich von Tarek Assams Inszenierung verzaubern lassen.

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